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Die Markthalle

Im Herzen von Hannover:


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Alte Markthalle

 

Stände

Stände

 

Zerstört

 

Oma Duhnsen

Rohde

VW Käfer

 

Rolltreppe Weihe

Denkmal-Einweihung

Historie

Alte Markthalle Die Sorgen waren groß. Würden die Landleute ihre zugigen Stände auf den Märkten lieber behalten und sich den „Kokspott” unter den Stuhl stellen, um nicht zu frieren?

Damals drängten sich an Markttagen, immer dienstags und samstags, von der Steintorstraße bis zum Aegi und rund um die Marktkirche über 2200 Verkäufer. Hunderte von Bauernfahrzeugen, Leiterwagen und Zugtieren verstopften die Straßen. Allein in der Osterstraße parkten 314 Fahrzeuge. Fleisch- und Wurstwaren litten unter den Witterungsverhältnissen. Die Folgen: atemberaubender Gestank und Chaos – an Lebensmittelkontrollen war nicht zu denken! Bürgereingaben und ein Schreiben der „Königlichen Polizeidirektion” im Jahre 1888, in dem „unhaltbare Verkehrsstörungen an den Markttagen” beklagt wurden, veranlassten schon sechs Wochen später die Stadt, den Bau einer Markthalle zu beschließen.

Dem Vorhaben mussten eine Reihe schöner, alter Bürgerhäuser in der Köbelinger- und Leinstraße weichen. Auch das Haus Leinstraße Nr. 20, das ehemalige „Kramer Amtshaus” – der perfekte Platz für Hannovers Markthalle! Stadtbauinspektor Paul Rowald entwarf den Bau nach dem Vorbild der Maschinenhalle der Pariser Weltausstellung von 1889, die technische Leitung übernahm der Berliner Professor Müller-Breslau und der hannoversche Fabrikant Louis Eilers lieferte die Eisenfachwerkkonstruktion.

Es war ungemütlich kalt, als am 18.10.1892 bei Regen und Schnee die Markthalle nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde, was „...den Händlern wie den Käufern die Nützlichkeit der neuen Einrichtung in erwünschter Weise klarmachte”, wie Paul Rowald erleichtert notierte. Der 84 x 48 Meter große Jugendstilbau aus buntem Glas und Eisen war außen reich verziert und in Rotbraun und Gelb – mit einem Schuss Gold – gestrichen, innen in kräftigem Blau, das sich frisch von dem weiß gefliesten Fußboden abhob. Modernste technische Errungenschaften hielten Einzug: elektrische Lichter und Uhren sowie ein Wasserdruck-Fahrstuhl, der vom Keller bis zur Galerie fuhr. Die Halle bot Platz für 243 Verkaufsstände. Der Mittelgang war so breit, dass Fuhrwerke und Karren durchfahren konnten, um die Stände zu beliefern. Das Knallen mit der Peitsche war aber laut Marktordnung verboten!

Und wie sahen die Stände aus? Sie waren schlicht, teils hölzern und zum Schutz gegen Katzen rundum mit einem abschließbaren Drahtgitter versehen. Die Blumen- und Fischstände waren weiß gefliest und die mit Marmor ausgekleideten Wasserbecken besaßen einen Zu- und Ablauf. Schon im Morgengrauen kamen die Händler mit ihren großen Körben und Kiepen zu Fuß oder mit dem Fahrrad und verkauften ihre Produkte vom Feld, aus dem Garten und Stall an die Standbetreiber. Milch und Pferdefleisch durften nicht verkauft werden und auch der Ausschank „geistiger Getränke” war untersagt.

Lautes Räderrollen, Rufe im Platt der Heidjer, Calenberger und der Schaumburg-Lipper: Kohlköpfe und Gemüse wurden zu beiden Seiten des Mittelganges fein säuberlich aufgeschichtet, frische Landeier gestapelt, Hasen und Rehe langgestreckt nebeneinander gelegt und das gackernde Geflügel der Kiepenleute in Kästen gesetzt. Und wer kaufte? Nicht nur Hausfrauen und Köchinnen, sondern auch die „faaneren Däömen”. 1902 schrieb Hermann Löns in einer hannoverschen Tageszeitung: „Da kam noch eine ‚Gnädige’ mit ihrem Dienstmädchen, das Stielglas vor den Augen.”

Weniger beliebt waren damals aber jene Madams, die von Buttertisch zu Buttertisch gingen und mit dem Daumennagel eine „Stich”-Probe nahmen, um so die Frische zu prüfen. Dies war um die Jahrhundertwende durchaus Brauch, bis hygienische Einwände erhoben wurden. Später nahm man eine Haarnadel, die man aus dem „Dutt” zog, bis auch das moniert wurde. Das Pfund grobe Mettwurst war damals für 1 Mark zu haben, Leberwurst kostete nur 65 Pfennige. So mancher Lehrling erstand so „für 10 Pfennige Wurstreste, aber nicht so viele Zipfel...” ein üppiges Frühstück für seinen Gesellen. Leider gab es auch weniger üppige Zeiten. Im Ersten Weltkrieg musste selbst der „Bauch von Hannover” hungern. Steckrüben, Dörrgemüse, Klippfisch und Miesmuscheln, Kunsthonig und Eichelkaffee – alles auf Marken. Der „Bauch” machte seinem Namen alle Ehre: Die Stadt lagerte in seinen Kühl- und Gefrierräumen die kargen Vorräte für die Notversorgung der Bevölkerung.

Als es wieder aufwärts ging, war die „Speisekammer” Hannovers wieder reich gefüllt und es ist gut vorstellbar, dass zwischen Schellfisch und Blumensträußen der hannoversche Witz entstanden sein könnte: „Ham’ Se Aale...?” – „Nee, ich häöbe Zaat...!” Das Leben pulsierte, Taschen, Körbe und Netze wurden herausgetragen, bis am 26. Juli 1943 beim ersten großen Luftangriff die Markthalle zerstört wurde. Der Tagesangriff der Amerikaner dauerte nur gut eine Stunde. Übrig blieben ausgeglühte Eisengerippe und Mauerreste. 12 Jahre später griffen Baggerschaufeln den letzten Gebäudeschmuck aus Fruchtgirlanden, Eber-, Widder- und Fischköpfen. Ein neues Kapitel in der Markthallengeschichte begann.

März 1955.
Kalt ist es noch. Besonders für die Männer und Frauen, die auf eigene oder fremde Rechnung in der Markthalle Handel treiben. Wie Karoline Duhnsen, die in ihrer Lindhorster Bauerntracht seit der Jahreswende 1926/27 regelmäßig nach Hannover kommt, um am Stand von Schlachter Hardekopf Fleisch und Wurst zu verkaufen. Arbeiten von morgens um acht bis abends um sechs, zweimal pro Woche, aber dafür bekommt sie 100 DM und so einiges an „Deputat”. Das ist doppelt so viel wie vor dem Krieg. Die Markthalle – vorläufig ein Torso. Vor allem hat sie kein Dach und bei Regen läuft das Wasser bis in die unterirdischen Kühlräume. Die 70 Schlachter und 32 Bäcker, die Obst- und Gemüse-, Eier-, Butter- und Kolonialwarenhändler zittern in ihren Holzbuden, die dicht gedrängt in der Ruine stehen. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Aber damit wird es ja nun ein Ende haben. In ein paar Tagen sollen sie alle in ein festes Zelt umziehen, bis auf dem Gelände der alten, zerstörten Markthalle die neue errichtet ist.

Um einiges kleiner allerdings, weil gleichzeitig die Karmarschstraße verbreitert wird. Und weil Prachtbauten nicht mehr in die Zeit passen. Der hannoversche Architekt Erwin Töllner hat den Wettbewerb um den Neubau gewonnen. Sein funktionaler Stahlskelettbau soll in einem halben Jahr stehen. Tatsächlich dauert der Bau genau 227 Werktage. Auch die Kosten sind höher als erwartet. In der Endabrechnung stehen 2,755 Millionen Mark. Aber am 14.12.1955 ist endlich Eröffnung – mit Feuerwehrkapelle und Schlüsselübergabe an den Oberstadtdirektor. Über 400 Händler haben sich um einen Stand beworben, 243 erhalten einen der begehrten Plätze. Auf der Galerie bieten 40 Händler ihre Waren an. Endlich haben sie ein Dach über dem Kopf und sind nicht mehr den unangenehmen Witterungsverhältnissen ausgesetzt.

Zur Einweihung der „Neuen Halle” kommen viele Hausfrauen, schauen, prüfen und kaufen. „Ihre” Halle ist klar, zweckmäßig und hell. Die große Glasfront zur Karmarschstraße bietet einen guten Ausblick. Gemütlich sitzt man an der Milchbar auf der Galerie oder in der Hallengaststätte. Bereits ab 4 Uhr werden die Stände über den rückwärtigen Hof beliefert. Hier steht eine weitere Halle, in der frühmorgens das Gemüse geputzt wird. Für Wild und Geflügel wurde ein eigener Schlachtraum gebaut. Die Fleischkontrolleure haben einen Extraraum. Marktschreier gibt es hier nicht. An den Ständen ist es dadurch ruhiger geworden. Geradezu hannöversch-„vornäöhm” die Geräuschkulisse aus Gesprächsfetzen, Kühlschranksummen, Klimpern von Groschen, Rattern der Ladenkassen. Tausenderlei Düfte locken. Das unmittelbare Nebeneinander der Waren begeistert die Markthallenbesucher: an einem Stand Wolle, Blusen, Pullover und nebenan Sauerkraut vom Fass, Seifen und Parfüm neben Konditorwaren, Fisch aller Sorten neben Hausmacher Wurst. Eine Fußpflegestation auf der Galerie und daneben ein Gewürzstand. Wurst und Käse können vor dem Kauf probiert werden. Über Qualität und Geschmack wird diskutiert.

Karoline Duhnsen verkauft das Pfund Schweinebauchfleisch – am Morgen aus dem Schaumburger Land mitgebracht – für 2,07 DM. Der Rotkohl nebenan kostet 10 Pfennig. Einen Stand weiter zahlt man für 1 Pfund Salzheringe 62 Pfennig.

Juli 1980.
Viele Markthallen-Besucher fragen nach „Oma Duhnsen”, wie sie nun liebe- und respektvoll genannt wird. Sie ist 73 Jahre alt und fährt nicht mehr zur Arbeit nach Hannover. Genug ist genug! Immerhin hat sie 50 Jahre lang Fleisch- und Wurstwaren aus dem Schaumburger Land in die Landeshauptstadt gebracht und verkauft. Schwerstarbeit! Doch auch im Ruhestand legt sie ihre Hände nicht in den Schoß. Ihre handgefertigten Puppen in Lindhorster Tracht sind eine Kostbarkeit. Manche dieser Schönheiten gehen auf große Reise, werden in andere Länder „exportiert”.

Februar 1997.
Die Stadt Hannover verkauft die Markthalle. Die neuen Eigentümer haben zunächst einen schweren Start. Die Renovierung von Seitenwänden und Glasfront, eine neue Klimaanlage und eine Rolltreppe – es liegt viel an. Rund 11,5 Millionen Euro müssen die acht Gesellschafter der Markthalle Hannover GbR inklusive Kaufpreis in notwendige Sanierungs- und Umbaumaßnahmen investieren.

Mai 1999.
„Oma Duhnsen” ist ganz aufgeregt! Schon zu Lebzeiten wird ihr ein Denkmal gesetzt. Ihr Freund aus alten Markthallentagen, Dieter „Käse”-Jäck, sammelt für eine Bronzestatue. Die Markthallen-Eigentümer beteiligen sich großzügig. Künstler Hans-Jürgen Zimmermann und sein „Modell” Oma Duhnsen verstehen sich. Das Ergebnis begeistert bei der Denkmalenthüllung viele Besucher. Die 1,30 Meter hohe Bronzestatue steht am Nordeingang. Das Urbild einer „Marktfrau”, die Geschichte und Tradition der Markthalle darstellt. Viele Brautpaare kommen heute vom gegenüber liegenden Standesamt herüber, streicheln die Geldkatze und den Korbgriff. Ein beliebtes Ritual, das Glück verspricht.